Zeit zur Bereitung der Speisen hatte, konnte er seinem Körper nicht die nötigen Kräfte durch ordentliches und genügendes Essen zuführen. ‐ Nach Beendigung seiner Lehrzeit im Jahre 1827 begab er sich am 11. Oktober 1827 auf die Wanderschaft. Auch während dieser Zeit besaß er soviel Energie, die religiöse Küche beizubehalten. Im Jahre 1834 wurde mein Vater Meister, doch wurden ihm seitens der Innung soviel Schwierigkeiten bereitet, daß er die Lust zum Handwerk verlor und sich auf Zureden der Großmutter lieber dem Hopfenhandel zuwandte. Auf seiner Wanderschaft hatte er sich schon für Brauereien interessiert und da und dort mit Brauern Bekanntschaft gemacht und so fühlte er nun sehr bald heraus, daß in den Städten Mittel‐ und Norddeutschlands zweifellos Verständnis für bayrischen Hopfen vorhanden war. Seine ersten Reisen als Hopfenhändler machte er zu Fuß von Ort zu Ort und erzielte für die damalige Zeit (1834‐38) ganz passable Resultate. Ganz ähnliche Geschäfte machte auch mein Onkel Salomon, der Rheinland und Westfalen bereiste. Der Nutzen aller dieser Verkäufe fiel jedoch meinem Großvater zu, in dessen Geschäft die beiden Söhne damals noch tätig waren. Erst nachdem diese sich verheiratet hatten, betrieben beide zusammen verschiedene Jahre hindurch ein eigenes Geschäft und kamen dabei recht vorwärts. Anfangs der 40er Jahre war mein Vater bereits in der Lage, sich eine kleine einspännige Chaise und einen Kutscher halten zu können. Durch seine rastlose Tätigkeit erwarb er sich immer mehr Kunden und das Geschäft entwickelte sich immer mehr und mehr, aber so groß seine Freude auch daran war, wurde ihm seine Tätigkeit doch darin sehr erschwert, weil die unter König‐Ludwig I. und Minister Abel beginnenden politischen Wirren drückende Verhältnisse für die bayrischen Juden herbei führten. So waren z. B. die Behörden angewiesen, strengstens darauf zu sehen, daß alle, die ihr erlerntes Handwerk nicht betrieben, dieses wieder aufnahmen. Wenn nun auch mein Vater ganz besonders scharf vom Landrichter chikaniert worden ist, so wäre es wahrscheinlich nicht ausgeschlossen gewesen, diese Chikanen zu verringern, wenn es ein Anderer getan hätte und dem Beamten mit guten Worten und klingender Münze entgegengekommen wäre. Da er aber einen rechtlichen Charakter hafte und auch etwas heißblütig angelegt war, wollte er davon nichts wissen und entschloß sich lieber um einerseits diesen fortwährenden Chikanen und Gehässigkeiten aus dem Wege zu gehen, andrerseits aber auch, um seinen Kindern eine bessere Schulbildung angedeihen zu lassen, sein Vaterland Bayern zu verlassen und so wanderte er mit seiner Familie am 28. April 1847 nach Dessau aus. Es war eine große Aufgabe für meinen Vater, sein Geburtsland, an dem seine ganze Erinnerung hing, seine Eltern, Geschwister und Jugendfreunde zu verlassen, um mit seiner großen Familie in ein fernes fremdes Land zu ziehen. Er hoffte jedoch mit Dessau in soferne eine gute Wahl getroffen zu haben, als diese Stadt gerade im Zentrum seiner Kundschaft lag und weil die Behörden uud Bürger Dessaus schon vollständig aufgeklärt waren und die Juden sich dort derselben Achtung erfreuten wie jeder Andere. Der Umzug mit Frau, 5 kleinen Kindern und Magd war dazumal keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, daß die Landwege noch recht schlecht waren und die Eisenbahnen in. ihren ersten Stadien noch recht viel zu wünschen übrig ließen. Die Reise ging zunächst von Ühlfeld nach Bamberg mit Fuhrwerk in 4 Stunden und von Bamberg bis Hof per Eisenbahn. Hier wurde übernachtet und am nächsten Tag per Eisenbahn nach Plauen weitergefahren, von wo aus weiter Fuhrwerk bis Reichenbach benützt werden mußte; von dort aus gings per Bahn nach Leipzig, Halle, Goethen und Dessau, wo wir nachts 11 Uhr ankamen und von Bekannten meines Vaters erwartet, mit offenen Armen empfangen und nach unserm Hause Franzstraße 6, das von Wolf Jakoby gekauft war und welches wir heute noch besitzen, geleitet wurden. Dadurch, daß wir gleich ein eigenes Haus besaßen, hatten es meine Eltern mit der Einrichtung leichter, mein Vater könnte nicht nur seinem Beruf ruhig nachgehen, sondern, da meine Mutter doch mit den norddeutschen Verhältnissen noch unbekannt war, auch noch seiner Häuslichkeit mit vorstehen, wenn er von seinen Geschäftsreisen, gewöhnlich spätestens jeden Freitag, zurückkehrte. Meine Mutter war stets mit großer Freude darauf bedacht, ihrem Manne und ihren Kindern ein den Verhältnissen angemessenes, angenehmes Heim zu schaffen; auch ließ diese brave Frau sich die Erziehung ihrer Kinder sehr angelegen sein. Da das Hopfengeschäft nicht das ganze Jahr hindurch Beschäftigung bot, kam mein Vater auf die Idee, nebenbei sich mit dem Verkauf von Brennmaterialien (Torf, Kohlen etc.) zu beschäftige, ließ deswegen große Ladungen böhmischer Kohlen, die er persönlich in Böhmen einkaufte, die Elbe hinunter nach Dessau schaffen und verdiente auch damit kleinere Summen. Die Konkurrenz aber, die mit der Zeit in diesen Artikeln entstand, veranlaßte ihn; dieses Geschäft nach einigen Jahren wieder aufzugeben und seine Kraft dem Handel mit solchen Artikeln zu widmen, die damals von den Brauereien gebraucht wurden, nämlich Pech, Honig, Sirup, Darrhorden usw. Meine. Mutter, die geschäftlich sehr mittätig war, besorgte während mein Vater auf Reisen war, den Versand sämtlicher Artikel und führte auch die Korrespondenz, sodaß mein Vater stets ruhig und unbesorgt sein konnte. Im Jahre 1856 waren meine Eltern bereits besorgt, ihren Söhnen eine Existenz zu schaffen, da doch nicht alle das elterliche Geschäft betreiben konnten. Zu jener Zeit lernte mein Vater einen Baumeister Karl Krause in Dessau kennen, der ihn auf die Idee brachte, sich mit ihm zu assoziieren und zusammen eine Schneidemühle zu erbauen
