Philipp Tuchmann

bearbeitet nach den Chroniken von Moritz und Franz Tuchmann.
Moritz Tuchmann schreibt; „Mein Bruder Philipp mußte wegen der Bestimmungen des bayerischen Judenedikts vom 10. Juni 1813 das Weißgerbergeschäft in Neuhof bei Mkt. Erlbach erlernen, ging als Geselle resp. als Handwerksbursche auf Reisen nach Preußen und Polen und, wenn er nach seiner Zurückkunft von seiner Wanderung erzählte, so horchten wir Kinder auf. Einer seiner Spässe war, „taub stellen‟, wo er auf richtige Fragen ganz verkehrte Antworten gab, was häufig großes Gelächter veranlaßte. Noch heute denke ich mit Vergnügen an die originellen, humoristischen Erzählungen und Schnurren dies stets munteren Mannes. Philipp hatte gegen Salomon eine entgegengesetzte Natur, denn Letzterer wollte bei irgend einem Dienst viel gebeten sein und dann erst erklärte er sich dazu bereit, während Philipp sehr dienstbereit war. Nach Beendigung seiner Wanderschaft arbeitete er einige Zeit im väterlichen Hause auf eigene Rechnung als Weisgerber, allein der angeborene jüdische Handelsgeist ließ ihm auch keine Ruhe und so bereiste er als Hopfenhändler die ihm von seiner Wanderschaft be‐ kannten Gegenden, was ihm in demselben Maße wie meinem Bruder Salomon gelang. Er vermähle sich dann mit Gitel (Gette) geborenen Hellmann in ühlfeld, welche in ihrem gutmütigen Charakter sehr gut für ihn paßte. Als er eines Tages um Erneuerung seiner Reiselegitimation einkam, wurde er vom da‐ maligen Landrichter Wiebel nicht allein abgewiesen, sondern er zerriß in seinem Beisein den alten Paß. Es hätte nicht viel gefehlt, daß er sich an diesem Beamten vergriffen hätte. Als er ganz außer sich heimkam, äußerte er die bestimmte Absicht nicht länger in Bayern zu bleiben, reiste auch kurz darauf ab und hielt in Dessau um seine Ansässigmachung an, was ihm auch bewilligt wurde. Diese kurz darauf erfolgende Domizilveränderung mit Frau und 5 Kindern war für die damalige Zeit, wo die Verkehrs‐ verhältnisse noch sehr primitiv waren, keine Kleinigkeit, jedoch zum größten Glück für Philipp, denn bei der Bekanntschaft in jenen Gegenden und bei der freundlichen Aufnahme, die ihm von den dortigen Bewohnern entgegengebracht wurde, gewann er sehr im Ansehen und im Geschäfte, sowie auch die feinere Bildung der norddeutschen Bevölkerung (gegen die süddeutschen Landleute) von bedeutendem Nutzen für seine Kinder war. Als die Söhne größer wurden, errichtete er eine große Bretterschneide‐ fabrik und Handel in dieser Branche, was nicht wenig zur Vergrößerung seines Vermögens beitrug. Wie nun alles im Leben selten ganz vollkommen ist, verlor er im Jahre 1858 sein Frau Gette, konnte aber nicht Witwer bleiben, da die meisten Kinder noch zu jung waren und eine Erzieherin bedurften. Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahre es war, als Schwester Gella und ich den Auftrag erhielten die ihm angetragene Bernhardine Gunzenhäußer in Bamberg kennen zu lernen, was auch im Hain daselbst zu unserer größten Zufriedenheit geschah, denn uns gefiel diese einfache, schlichte Frau vortrefflich. Auch in dieser Beziehung traf Philipp eine glückliche Wahl, indem seine zweite Frau Bernhardine nicht allein der Verstorbenen im äußern, sondern auch in Charakter und Gutmütigkeit sehr ähnlich war. Sie zeigte sich wie eine echte Mutter für die verwaisten Kinder, gab ihnen die richtige Erziehung, sodaß sie den Verlust ihrer ersten Mutter niemals fühlten. Nach vielem Schaffen und Sorgen und nach glänzender Versorgung seiner sämtlichen Kinder, verließ dieser emsige und allgemein geachtete Mann dieses irdische Leben. Möge er, wie die Frommen sagen, zu neuem Leben erwachen !‟
Franz Tuchmann, auf dessen Anregung Moritz Tuchmann seine Chronik verfaßt hatte, schrieb als Ergänzung noch folgendes über seine Eltern: „Mein Vater genoß s‐ Z. in ühlfeld einen besseren Unterricht, da seine Eltern schon darauf sahen, ihren Kindern eine ordentliche Schulbildung angedeihen zu lassen. Dadurch, daß anfangs des 19. Jahrhunderts noch eine für die Juden sehr drückende Gesetz‐ gebung in Bayern bestand und da nach derselben nicht gestattet war, Kaufmann oder Handelsmann zu werden und da die Juden vielmehr gezwungen wurden, ein Handwerk zu erlernen, entschloß sich mein Vater Weißgerber zu werden und kam nach Neuhof bei Mkt. Erlbach zu Meister Nickel in die Lehre. Diese 4 jährige Lehrzeit gehörte gerade nicht zu den angenehmsten Erinnerungen meines Vaters, denn einerseits brachte der Beruf schon die unangenehmen Hantierungen mit Häuten, Wasser und Säuren mit sich, andrerseits war mein Vater infolge seiner religiösen Erziehung gezwungen, während dieser 4 Jahre eigene Küche zu führen und da er durch die schon anstrengende Lehre nicht immer genügend
