Moritz Tuchmann

bearbeitet nach seiner Chronik und nach den Aufzeichnungen seiner Tochter, Frau Sofie Frank.
Herr Moritz Tuchmann schreibt: „Zwar ziemt es sich nicht, wenn der Verfasser einer Chronik, eines Dramas oder eines Gedichtes auch seine Erlebnisse erzählt, allein diese Chronik wäre unvollkommen, wenn ich als Jüngster von 8 Geschwistern nicht auch meiner erwähnen würde. Ich werde mich jedoch so kurz als möglich fassen und bemerken, daß ich im Juni 1819 am 2. Tag der jüdischen Pfingsten das Licht der Welt begrüßte und bis zu meinem 3. Jahre ein schwächlicher, kränklicher Junge blieb. Wegen meines krankhaften Zustandes verhätschelte mich die Mutter zum Aergernis der anderen Geschwister. Genannt wurde ich nach einem in Floß verstorbenen Verwandten Mahrem, später vom 11‐ Jahre an Moritz, da dieser jüdische Name in Bamberg, wo ich das Wolfram'sche Handelsinstitut besuchte nicht paßte.‟
Hier sei eingefügt, daß fast alle Mitglieder der Marx Tuchmann'schen Familie 2 Namen führten: Einen, der in der Familie untereinander gebraucht wurde, wie Gelle. Ele. Schlome und einen, den sie unter Briefe und Urkunden setzten. Ich habe beide Namen im Stammbaum aufgeführt. ‐
Mit Beginn meines 14. Jahres kam ich nach Fürth in das Großhandlungshaus Philipp Heilbronn Sohn als Lehrling für die Dauer von 5 Jahren. Für diese 3 jährige Lehrzeit mußte mein Vater 600 Gulden zahlen, wofür ich bei dem sprichwörtlichen Geiz unserer Prinzipalin kaum satt zu essen bekam und bei der Unlust zu diesem langweiligen Geschäfte erlernte ich sehr wenig. Wie gerne hätte ich mich irgend einem Zweige der Kunst gewidmet, da ich schon in meinem 11. Jahre mit Vorliebe Gedichte und Romane las und wie aufmerksam hörte ich zu, wenn jemand aus den Classikern vorlas oder vortrug. Ferner war ich großer Verehrer von Musik und hätte gern manchen Genuß aufgegeben, wenn mich meine Eltern hätten Klavier lernen lassen. Allein meinen Eltern fehlte der Nervus rerum und so mußte ich widerwillig Handelsmann werden. Zu meinem 17. Jahre verließ ich Fürth und wurde nach Niederbayern geschieht um Kundschaft für Hopfenabnahme zu suchen. Welch bittere Erfahrungen und Entbehrungen ich mit diesem rohen Volke machen mußte bis ich richtige Abnehmer fand, läßt sich kaum beschreiben. Wie gerne wäre ich nach Amerika gegangen, wenn es meine Eltern zugelassen hätten. Ich überspringe nun ca, 6 Jahre, da dieses weiter nichts interessantes bietet. Ich verlobte mich 1844 mit einer Marie Scherner aus Wilhermsdorf, welche Verbindung jedoch nach 4‐5 Monaten wieder zurückging und heiratete im September 1845 meine sel. Frau Babette, geb. Heidenheimer in Ühlfeld. Diese höchst achtbare, bescheidene Frau könnte man heute noch als Muster einer Gattin und sorgenden Mutter aufstellen, allein trotz ihres äußerlich kräftigen Aussehens kränkelte sie fortwährend und so verlor ich sie im September 1879, nachdem sie noch das Glück hatte von ihren 5 Kindern die älteste Tochter Sofie unter den Trauhimmel zu führen. Ihr Andenken bleibt mir ewig, denn sie ertrug meine Launen und die verschiedenen Schicksalsschläge mit großer Geduld und Entsagung." ‐
Nun fährt Frau Frank fort: „Dem Ersuchen des Herausgebers dieses Werkes, Herrn Fritz Tuch‐ mann folgend,
füge ich einige Daten aus dem Leben des Verfassers der Chronik meines Vaters Herrn Moritz Tuchmann bei: „Als
jüngster Sproß bei 7 Geschwistern fühlten sich all diese berufen ihre ‐ meist sehr von einander abweichenden
‐ Erziehungsmethoden an ihrem Nesthäckchen zu versuchen. Humorvolle Schilderungen dieser Experimente, mir von meinem
Vater überliefert, leben noch in meinem Gedächtnisse. Frau Mordchene ‐ wie sie überall genannt wurde ‐
sonst eine robuste, für weichliche Gefühle nicht inclinierende Frau, hegte gerade für dieses jüngste Kind, ihre
Männle, schwärmerische Zu‐ neigung. Ihre Fürsorge äußerte sie einmal während seines Bamberger
Aufenthalts in dem originellen Mahnschreiben: „Nimm Dich in 8, geh nicht ins Theater 9‟. So wuchs der
Jüngling, dem für die da‐ maligen Zeitläufte und das jüdische Erziehungswesen ein erstaunenswerter Drang
nach Bildung gepaart mit idealer Begeisterung für alles Schöne und Erhabene auf den Gebieten von Kunst und Wissenschaft
innewohnte, fremd inmitten einer ihm allzu nüchtern dünkenden Umgebung heran. Seiner Neigung und Begabung nach weit eher
zum Studium als Ingenieur oder Architekt taugend. Vieles Nachdenken und Lesen ‐ besonders von wissenschaftlichen Werken ‐
ließen alsdann den gereiften Mann als einen vielseitig gebildeten, im gesellschaftlichen Verkehr höchst anziehenden
Menschen hervortreten. Sein dichterisches
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