Talent, dem er in zahlreichen, meist für Freundes‐ und Verwandteskreisen bestimmten Poesien Ausdruck verlieh ‐ so manch tiefempfundeneres lyrisches Gedicht befand sich darunter ‐ erfüllte meinen Vater bis ins späteste Alter hinein mit leicht begreiflicher stolzer Befriedigung. ‐ Seltene Menschen‐ freundlichkeit, niemals laut sich äußernder Wohltätigkeitssinn, von seiner ihm darin von gleichen Gefühlen beseelten Gattin aufs wirksamste unterstützt, vervollständigte das Bild dieses schlichten bescheidenen Mannes. Ein markanter Zug von dessen Gutherzigkeit sei hier erwähnt: In einer Sitzung der jüdischen Gemeinde Ühlfelds beriet man sorgenvoll, was man mit den neun hinterlassenen Kindern des eben ver‐ storbenen, verwitweten jüdischen Lehrers geschehen solle. Mein Vater, Vorsteher jener Gemeinde, ging rasch entschlossen ins Lehrerhaus, nahm das jüngste der Kinder, einen 2 jährigen Knaben und brachte diesen seiner Frau mit den Worten: „Da hast Du ein drittes Kind zu unsern beiden Buben, ziehe es mit auf!‟ Die nicht minder barmherzige Mutter war sofort damit einverstanden und gleich ihren eigenen Söhnen wurde der Verwaiste körperlich und geistig zu einem tüchtigen Menschen herangebildet. ‐ Für die in Baiersdorf in höchst mißlichen Verhältnissen lebende Tante (Itel Rau) die Schwester seiner Mutter, sorgte der Vater unterstützt von seiner Frau, liebevollst wie ein Sohn. Sie titulierte ihn immer mit „Mein herziges Sohnleben‟. Bei zahlreichen Besuchen bemühte sich mein Vater der ob ihrer Umgebung und traurigen Lage kunfus gewordenen und schwer zu behandelnden Frau helfend beizustehen. Nach dem Ableben der alten Frau war mein Vater eifrigst bemüht, deren unglücklichen Kindern ein gesichertes Unterkommen zu verschaffen. Stark ausgeprägter Familiensinn veranlaßte ihn auch den Kindern seiner beiden, frühe verstorbenen Schwestern (Iglauer und Bing) als treusorgender, liebevoller Berater und Freund helfend beizustehen. ‐
Von den Söhnen meiner Eltern verstarben Josef und Max in jungen Jahren, während Carl in London als Kaufmann und Kgl. Preußischer Kommerzienrat. Bernhard gleichfalls als Kaufmann in Nürberg lebend höheres Alter erreichten. Simon, der Jüngste, wohnt als Kaufmann heute noch in Johannesburg, Südafrika. Emma, die jüngere der beiden Töchter von Moritz Tuchmann, mit dem Kaufmanne Daniel Müller in Nürnberg verehelicht, verschied leider im Jahre 1915, einen Sohn, Rechtsanwalt Albrecht Müller, hinterlassend. Ich selbst verheiratete mich mit dem Kaufmanne Jonas Frank und besitze von unseren 3 Kindern nur noch 2, da mein ältester Sohn Hugo mir leider durch den Tod entrissen wurde. Martin, mein 2. Sohn, lebt als Fabrikdirektor in Grünhain (Sachsen), Paula als Gattin des Kaufmanns Markus Einstein in Stuttgart wohnend, besitzt eine Tochter Lise. ‐
Mein Vater übersiedelte im Jahre 1854 nach Fürth, wo er ein großes Haus im Anwesen Friedrich‐ straße 26 erbaute. Haus und Geschäft übergab er 1885 seinem Sohne Bernhard und übersiedelte 1894 nach Nürnberg, wo er die letzten 5 Jahre seines Lebens in meinem Hause verbrachte, bis etwas mehr als 1 1⁄2 Jahre vor seinem Tode ein vollkommen gesunder, allen äußerlichen und innerlichen Stürmen des Alters hartnäckigen Widerstand leistend. Ausgestattet mit umfassender Bildung hatte noch bis ins späteste Alter erstaunenswürdigen Sinn und vielseitiges Interesse für alle Vorgänge des öffentlichen Lebens, der Künste und Literatur. Im Herbst des Jahres 1897 traf den Vater völlig ahnungslos ein Gehirnschlag. Seine zähe Lebenskraft und Energie boten auch dieser Hemmung Trotz und in über‐ raschend kurzer Zeit erholte er sich ‐ selbstredend unter sorgsamster häuslicher und ärztlicher Pflege ‐ soweit, daß er wieder ausgehen konnte. Herzlähmung war es, die im Jahre 1898 dem Leben dieses eingenartigen Mannes ein Ziel setzte. In Frieden ruhe der allzeit von rastlosem Geiste besellte edle Vater! ‐ ‐
Möge Stammbaum und Familienchronik, welche mit bewunderungswürdiger Hingabe und Opfer‐ freudigkeit ein noch junger Nachkomme des Hauses Tuchmann geschaffen, bestehenden und kommenden Geschlechtern ein anschauliches Bild vom Leben und der Wesensart ihrer Vorfahren vor Augen führen.
‐ Das walte Gott! ‐‟
Sofie Frank
née Tuchmann.
