Der 6. März beginnt mit wunderbarer Musik vor der alten Synagoge. Kanonendonner folgt. Jede Stunde, jede Minute treffen mehr und mehr Menschen ein. Alle machen sich bereit, die Würdenträger vom Landgericht und Finanzamt Seiner Majestät in Neustadt zu empfangen.
Unter den Klängen der Musik reitet ein aus Christen und Juden bestehendes Kavalleriekommando fünf Regierungsfunktionären am Markt Dachsbach entgegen. Um 10 Uhr macht sich ein Wagen mit einem Komitee von Juden auf den Weg, um die Abgesandten Seiner Majestät zu empfangen. In Markt Uehlfeld angekommen, werden sie im Hause des Barnoss (Vorsitzender der jüdischen Gemeinde), Hirsch Loew Rosenfeld, dem Vater des Rabbiners, empfangen. Ein üppiges Mahl wird serviert, während die Würdenträger weiter eintreffen.
Um 1 Uhr beginnen die Feierlichkeiten. Alle jüdischen Bürger gehen in die alte Synagoge und beten dort zum letzten Mal. Dann werden die heiligen Schriftrollen aus der Lade genommen und die Prozession beginnt, angeführt von Leutnant Simon Hirsch Rosenfeld, Sohn des Barnoss und Bruder des Rabbiners.
Lieder der Schulkinder und Erwachsenen wechseln sich mit der Musik der Band ab. Die Menschenmenge ist so groß und laut, dass der Gesang in den weiter entfernten Reihen kaum zu hören ist. Vor dem Betreten der Synagoge singen die Schulkinder: „Dir, ewiger Gott, weihen wir dieses Haus.‟
Die Prozession zieht in die neue Synagoge ein, begleitet von lauter Musik und dem Donnern von Kanonen. Gendarmen bewachen den Eingang, der mit Luftschlangen in den bayerischen Farben Blau und Weiß besonders geschmückt ist.
Siebenmal werden die heiligen Schriftrollen um den Altar getragen, während Psalmen gesungen werden; schließlich werden sie in die heilige Arche gelegt.
Es folgt die Weiherede des Rabbiners.
Marx Tuchmann hat bei der Planung und dem Bau der Synagoge hart gearbeitet und an allen Zeremonien teilgenommen. Man kann ihm verzeihen, dass er seine Gedanken schweifen lässt und an sich und seine Familie denkt.
Er ist wohlhabend, denn er bewirtschaftet viele Felder und beschäftigt viele Gehilfen. Er handelt auch mit Hopfen, den er an Händler aus Böhmen verkauft. Er hat zwei Söhne und fünf Töchter; ein dritter Sohn soll ein Jahr später geboren werden. Er ist zwar hoffnungsvoll, kann aber nicht absehen, dass seine acht Kinder ihm 54 Enkel, 173 Urenkel und 252 Ururenkel, insgesamt 487 Nachkommen, bescheren werden.
